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Mutters

Agenda

zwölften Band

8. Mai 1971

Geht es dir gut?

Es ist nicht einfach!

Was hast du denn?

Ach, man hat den Eindruck, daß ALLES so ist. Man hat das Gefühl, daß es etwas sehr Verbissenes in der Welt gibt, in den Menschen.

Ja.

Etwas sehr Hartnäckiges, das alles zerstören will.

Alles scheint topsy-turvy [drunter und drüber] zu gehen.

Ja.

Was ist dort oben geschehen [in Delhi]? Ich weiß von nichts... Indira sagte einfach...

Sieh, ich gebe dir ein Beispiel: Gestern sagte man mir aus sehr verläßlicher Quelle, daß fast alle Länder – fast alle anderen Länder – Bangladesh anerkannt haben außer Indien (und noch einem anderen Land). Heute sagte man mir, Indira habe erklärt, kein einziges Land habe es anerkannt. Folglich... das sind offizielle Lügen.

Ja, offiziell. Aber du hast gesehen... Ich sah gerade in der Zeitung Indiras Erklärung:

"Die Ministerpräsidentin Frau Indira Gandhi brachte alle Spekulationen über eine baldige Anerkennung Bangladeshs zum Schweigen, indem sie ausdrücklich erklärte, daß die indische Regierung nicht beabsichtige, dies in naher Zukunft zu tun."

(The Hindu, 8. Mai 1971)

Man sagte mir, Rußland widersetze sich der Anerkennung, denn es wolle einen Kompromiß mit Pakistan erreichen. Aber jetzt, wo alles Lüge ist, weiß man nichts mehr.

Ja, jedenfalls hat kein einziges Land Bangladesh offiziell anerkannt – niemand.

Ach! Was sie sagte, war demnach wahr.

Ja, sie sagen hier [im "Hindu"]:

"Aus verläßlicher Quelle wird berichtet, daß der sowjetische Ministerpräsident Kossygin zwei Briefe an Pakistans Präsident Yahya Khan sandte, worin er diesen zur diplomatischen Beilegung der Krise in Ost-Bengalen drängt, und Indira Gandhi bat, die Krise nicht auszuweiten, so daß die von Rußland und Indien angestrebte friedliche Lösung gefunden werden könne."

Ja, sie suchen nach einem Kompromiß – wie das letzte Mal in Taschkent.

(Mutter hebt die Arme)... Alles muß wieder von vorn begonnen werden.

Ja, so ist es.

(Schweigen)

Gestern und vorgestern zirkulierte ein Gerücht im Ashram, du habest eine neue Botschaft an Indira Gandhi geschickt, in der du ihr sagtest, wenn sie Bangladesh nicht anerkenne, wäre es nutzlos, zu kommen und dich um deine Meinung zu fragen...

Nein, ich habe die Botschaft nicht geschickt.

Aber es kann sein... Wenn U 1 Indira trifft... Ich habe ihm nicht geraten, es nicht zu sagen, deshalb ist es möglich, daß er es ihr sagt... Ich habe es "einfach so" zu U gesagt.

Ach, gut.

Folglich ist es möglich, daß er es sich in den Kopf gesetzt hat, es ihr zu sagen, ich weiß nicht.

Und man sagt auch, du habest erklärt, wenn sie Bangladesh nicht anerkenne, werde es noch viel schwerwiegendere Konsequenzen für die Zukunft geben.

So denke ich.

Du denkst das, ja.

Jedesmal wird es schwieriger.

Jedesmal, wenn sie die Angelegenheit verschieben... Oh, hätte man es sofort getan, wäre es sehr gut gewesen. Jetzt sind schon fünf Wochen vergangen...

Ja, fünf Wochen.

Es ist schon viel schwieriger geworden. Wenn man es wieder aufschiebt, wird es noch schwieriger sein.

Jedenfalls habe ich die Botschaft nicht gesandt 2 .

Natürlich denkt sie, mir wären nicht alle Umstände bekannt – das versteht sich!

Sie weiß es offensichtlich besser als du. Aber hätte sie nur ein Minimum von innerem Unterscheidungsvermögen, verstünde sie, daß du eine umfassendere Vision hast.

Ja, aber das...

Es gibt verschiedene... (wie soll ich sagen?) es sind "Schichten von Konditionierungen" (Ebenen andeutend), und ich versuche immer, die Leute zur höchsten Schicht zu führen, so daß die Dinge sich ohne allzu viele Schwierigkeiten abspielen; doch sie bestehen immer darauf, auf der niedrigsten zu verharren, auf der naheliegendsten. Das bewirkt dann... so komplizieren sich die Dinge. Wenn diejenigen Einfluß hätten, die die Eingebungen von der höchsten Ebene direkt herabziehen können, dann würden die Dinge schnell und ohne Schwierigkeiten ablaufen; aber es ist nun mal so, daß gerade jene an der Macht sind, die nur die naheliegendste "Konditionierung" haben und die natürlich nur das Naheliegendste verstehen. Und so nehmen die Dinge ihren Lauf (gewundene Geste), und alles geht unendlich langsam voran.

Das bedeutet einfach, daß die Welt nicht bereit ist.

(Schweigen)

Es wird noch einige Jahrhunderte brauchen.

Schrecklich...

(Mutter hebt die Arme) Sei's drum, dann dauert es eben einige Jahrhunderte.

Ach, dann ziehe ich Kali vor!

(Mutter lacht)

Die Leute verstehen nicht. Es muß seinen kleinen alltäglichen Weg gehen (Mutter deutet eine Windung an). So verstehen sie.

Gut.

(Schweigen)

Der Glaube der Menschen ist Aberglaube – es ist kein Glaube sondern Aberglaube. Jetzt meinen mehr und mehr Leute den Glauben zu haben, und sie bitten mich um die lächerlichsten Dinge. Sie sind so abergläubisch, daß... Zum Beispiel bringt man mir ein Kind, das mit einem verkrüppelten Arm geboren wurde. Ihrem Aberglauben nach wird es geheilt, wenn ich meine Hand auf den Arm des Kindes lege... Solche Sachen. Ganz idiotisch. Das ist doch keine Macht! Sie brauchen kleine Wunder, weißt du, auf ihrem Niveau.

Ja.

Die Menschheit ist noch sehr, sehr beschränkt.

Ja, den Eindruck hat man.

Aber selbst jene, die Macht hätten... Sieh doch, wie es ist: Gewisse Leute hätten Macht, es würde genügen, wenn sie die wahre Inspiration besäßen – sie haben Angst davor, mein Kind! Sie weisen die wahre Inspiration zurück, weil sie glauben, die Dinge müßten ihren sogenannten "natürlichen" Weg nehmen.

Das wahre Wunder weist die Menschheit zurück. Sie glaubt nur an...

Zu behaupten, ich sei eine schlecht gelaunte Person, weil ich nichts mehr sage, wenn man nicht auf mich hört, ist völlig lächerlich – das ist mir völlig egal! Persönlich gibt es nichts – weder dafür noch dagegen noch... Nur SEHE ich, ich sehe, daß es, weil die direkte Verbindung nicht möglich war [die höchste Konditionierung], einen Weg nehmen muß... (gewundene Geste) eben alle zukünftigen Komplikationen der Angelegenheit.

Während wir doch mitten im wahren Wunder sind!

Wenn man dann sagt: "Mutter ist verärgert, sie läßt euch fallen", wird eine weitere Dummheit zu all den schon bestehenden hinzugefügt. So ist das.

All das...

Sie haben gewählt, sie haben sich für den Weg der Schildkröte entschieden. So wird es dann auch sein.

Es gibt Momente – Sri Aurobindo nennt sie The Hour of God [Die Stunde Gottes] –, es gibt Augenblicke, wo das WAHRE Wunder möglich ist; wenn man diesen Augenblick verpaßt, wird die Welt... in ihrem gewohnten Schneckentempo weitergehen.

Und das ist hart – viel Leiden, viele Komplikationen... Aber der Glaube, wer hat schon den Glauben? Den wahren Glauben.

(Schweigen)

Es ist sogar schon so weit gekommen, daß selbst die, die hier sind, mir rein menschliche Empfindungen und Gefühle zuschreiben... Was soll's...

Aber, liebe Mutter, ich habe eine Hoffnung.

Ja?

Ich habe eine Hoffnung. Da ist etwas, das ich mehr und mehr als eine sehr große Möglichkeit fühle.

Was?

Die ganze Jugend, die sechzehn–, siebzehn–, zwanzigjährigen, die scheinbar völlig verrückt werden, wollen die gegenwärtige Mechanik nicht mehr – sie wollen sie nicht mehr. Folglich begehen sie Dummheiten...

Oh!...

Sie nehmen Drogen, sie machen allerlei Dummheiten...

Oh, schlimmer als das, mein Kind! Sie sind zu Mördern geworden 3 .

Ja, es gibt allerlei Dinge, aber trotzdem habe ich den Eindruck, daß dies ein gutes Zeichen ist, daß es immer unglaublicher wird, und die ganze Mechanik des braven alten Menschen zusammenbricht – die soziale, politische Mechanik und der ganze Rest...

Ja, ja, du hast völlig recht. Aber während sie zusammenbricht, zerschlägt sie viele Dinge. So ist es; es ist wahr, das wird geschehen, aber beim Zusammensturz wird vieles zerstört.

(Schweigen)

Ich sehe viele sogenannte "Hippies", weißt du, diese Herumziehenden, Leute, die die ganze Gesellschaft in die Luft gejagt haben, die allerlei Dummheiten machen; mehrmals schnappte ich mir so einen und sprach einfach die Sprache der Wahrheit zu ihm, und er verstand sofort – man hatte ihm diese Dinge einfach noch nie gesagt.

Ach!...

All diesen Leuten hat man niemals das Wahre gesagt. Ich habe den Eindruck, daß diese ganze sogenannte verlorene Jugend gar nicht verloren ist! Es fehlt ihnen nur das wahre Wort.

Ja, aber wer wird es geben?

Das weiß ich nicht, liebe Mutter. Hätte ich die Kraft, täte ich es gern. Mit ihnen ist das Wunder noch möglich.

Ja. Ja, aber... jemand muß es ihnen sagen.

Ja, wir bräuchten einen Vivekananda für Sri Aurobindo.

(Mutter lacht sehr amüsiert)

Die Umkehrung könnte sich schnell und leicht vollziehen, da bin ich sicher. Verstehst du, sie sind nicht entartet, sie sind einfach... sie wissen nicht.

(Schweigen)

Das ist es, liebe Mutter, du mußt unbedingt einen großen Inspirierten herbeirufen.

Ach!

Den mußt du wirklich herbeirufen.

Aber den rufe ich schon seit langer Zeit.

Ja, liebe Mutter, einen großen Inspirierten mit physischer Kraft.

Ja, oh!

Es muß jemand sein, der physisch stark ist.

Ja.

(Mutter schaut
und geht dann lange in sich)

Ständig, Tag und Nacht: so (Mutter hält ihre geballten Fäuste vor sich, wie um die Kraft herbeizuziehen oder zu rufen).

(Schweigen)

Dies ist ein Weltereignis. Es ist kein Ereignis eines Landes [Bangladesh], es ist ein Weltereignis. Und deshalb...

 

1 Ein Schüler, der zwei Tagen vorher (am 2.) nach Delhi abgereist war.

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2 Mutter schrieb nur eine Notiz, die in einer der Zeitschriften des Ashrams veröffentlicht worden war: "Die Situation ist ernst. Nur eine starke und erleuchtete Aktion kann das Land retten." (30. April 1971)

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3 Mutter spielt wahrscheinlich auf die "Naxaliten" in Kalkutta an – eine linksorientierte extremistische Gruppe.

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